Wie der Vater, so die Mutter

Nein, ich habe keine Kinder! Schon alleine um zu vermeiden, dass sich auf der Heckklappe meines Bürgerkäfigs fiese Aufkleber mit unangefragten Inhaltsangaben über transportierten genetischen Restmüll ansammeln.

Jan-Niklas an Board. Sascha-Rüdiger fährt mit. Jaqueline-Mandy on Tour. Was soll aus solchen Blagen später schon großartig werden, außer der nächsten Generation handystreichelnder Pisa-Opfer?! Neenee, ich bin geizig und behalte meine DNA schön für mich. Geschlechtsverkehr macht auch ohne Fortpflanzung Spaß. Wobei die eine oder andere Ausübungsmethode des Matratzensports sowieso nur sehr begrenzte Aussicht auf Vermehrungserfolge hat ¬— es sei denn, es hätte sich grundlegend was in Sachen Anatomie getan, seit ich Bio in der Penne hatte. Aber solange die Gebärmutter keinen Zweitzugang über die Speiseröhre hat, ist (fast) alles save.

Kinda-Hinda

Kinderlosigkeit hat aber einen eklatanten, nicht zu unterschätzenden Nachteil der einmal im Jahr seine heimtückischen und umfassenden Konsequenzen nach sie zieht: Sie nimmt dir auf entwaffnenden Art und Weise jedwede Legitimation, um mit gesellschaftlichem Segen am Vatertagstreiben teilzunehmen. Ich hatte auch schon mal versucht, beim Jugendamt eine Tageskarte für eine Adoptionen zu bekommen, die Sesselfurzer meinten aber, so was würde es nicht geben. Blagen gäbe es nur im Dauerabo. Offenbar hat man die immensen Vorteile von Kinder-Sharing noch nicht erfasst. Katholische Pfarrer würden das mit Sicherheit ebenfalls begrüßen. Rückständiges Pack.

Der Herr zum Vater

Ich hab mein persönliches Dilemma auf andere Art und Weise gelöst: Die Kollegen aus den Ostgebieten waren bei ihrer Namensvergabe deutlich weitsichtiger und tauften den Trinker-Event für Stehend-Pinkler "Herrentag". Schlaue Füchse, die! Unter dem Label kannst du dir gepflegt die Rüstung zusallern, ohne dir die restlichen 364 Tage des Jahres mit penetrantem Nachwuchs versauen zu müssen. Und so haben wir, unter Schirmherrschaft von Schorsch, der aus einem der betroffenen Landstriche stammt den "Verein zur Brauchtumspflege kinderloser Trinksitten e.V." gegründet und zelebrieren jährlich den Vatertag als Herrentag.

Mutter-Kutter

Das Gegenstück dazu, der Muttertag, ist eigentlich gar keiner. Vielmehr ist der Herrentag auch gleichzeitig der richtige Muttertag, denn der Muttertag als solcher ist für die Damenwelt ja eher unerfreulich. Müsst ihr mal drauf achten, geht schon morgens los: Die Perle muss sich bis kurz vor Mittag mit knurrendem Magen und Trombose im Bein in den Federn herumwälzen, weil ihr Macker zwar versprochen hat ihr Frühstück ans Bett zu bringen. Da er das am Vorabend aber bis nachts um 3.00h mit seinen Kumpels präventiv begossen hat, bekommt er am Tag des Geschehens den Arsch nicht aus der Kiste. Hat er sich gegen 11.00h dann endlich aufgerafft, ist er erstmal 'ne Stunde weg um Brötchen von der Tanke und 'nen Strauß Blumen aus 'nem Automaten zu holen. Sind die leer, tut's auch 'ne Dauer-Leihgabe vom Friedhof. Blumen, nicht Brötchen.

Krisengebiete schauen dich an

Mangels Routine und Erfahrung im sachgerechten Anrichten von Morgenspeisungen und von einem ausgewachsenen Kater dragsaliert, verwüstet er im Zuge seiner dilettantischen Bemühungen erst mal die Küche, bis diese aussieht wie Hiroshima 45. Das Futter wird dann wild kleckernde Weise ans Bett seiner inzwischen halb verhungerten Schnecke gebracht, die mit Rückenschmerzen vom langen Liegen vor sich hin vegetiert. Den Nachmittag ist sich dann damit beschäftigt das Krisengebiet Küche wieder zu befrieden und anschließend ein vernünftiges Abendessen zu kochen, während ihr Männe sich in die Kneipe verzieht, wo er sich mit den anderen Neandertalern trifft und man sich gegenseitig erzählt, was für ein schweinegeiler und megaaufmerksamer Lebensabschnittsgefährte man doch sei. Was hat denn das mit einem ordentlichen Muttertag zu tun?

Verhütung

Und weil ich Else wirklich liebe, habe ich ihr schon vor Jahren das größte Geschenk von allen zum Muttertag gemacht und ihr gesagt, dass wir den ab sofort komplett streichen. Dafür würde ich den Herrentag umso exzessiver begehen und ihr damit einen freien Tag ohne Kollateralschäden oder Nebenbeschäftigungszwang verschaffen. Sie hat zwar etwas zerknirscht geschaut, aber ich glaube inzwischen hat sie eingesehen, dass der eigentliche Muttertag der Vater- oder Herrentag ist. Man(n) muss nur gut argumentieren.

Zeitplan

Da es sich bei der Trinksportveranstaltung um die eines amtlichen Vereins handelt, gehen wir die Sache natürlich mit dem notwendigen Ernst an. Ernst kommt entsprechend meist als erster und ist so gegen 9.00h bei mir. Schorsch, Dieter und Günni erscheinen kurz danach. Eben fix den Bollerwagen beladen und ab dafür.

Phase I: Durst

Ein geiler Frühlingsmorgen macht sich breit. Noch etwas frisch. Restnebel tummelt sich auf den Feldwegen, aber die Sonne kommt bereits raus und zeigt, dass der Tag noch richtig schön flauschig wird. Neben der Sonne geht auch langsam die Leber auf und Durst macht sich breit. Aber nicht dieser schnöde, lediglich der Dehydrierung entgegenwirkende Durst nach Wasser. Nein, vielmehr dieser kostbare von leicht im Hals kratzender Euphorie begeleitete Durst. Durst, den nur ein kaltes Bier stillen kann. Durst, der sich anfühlt als hättest du einen trockenen Schwamm im Magen, der sich nach dem Erstkontakt mit der Hopfenkaltschale wohlig weich ausdehnt. Bierdurst. Der geilste Durst von allen. Superdurst. Durst Reloaded.

Phase III: Trinken

Ist die innere Wüste grob entstaubt, gilt es ein individuelles, auf Dauer gut zu haltendes und der Tagesform angepasstes Level zu ermitteln und zu halten. So eine Art alkoholisches Tai-Chi mit einer Prise Feng-Shui, nach dessen Gesichtspunkten wir auch den Bollerwagen beladen haben. Wichtig ist, dass Bier und Kurze nach Energiefluß-Richtlinien gestapelt sind und nicht direkt neben den Dosen mit den Böckwürsten stehen. Das gibt schlechtes Karma. Glaub ich zumindest.

Kul-Tour

Da es sich beim Herrentagstrinken nicht um gewöhnliches Höchstgeschwindigkeits-Wegschiessen, sondern eher um eine Art Marathon-Angelegenheit handelt, ist neben einer ausgeklügelten Darreichung auch langfristiges Training vor der Veranstaltung wichtig. Zu diesem Zweck haben wir in den letzten Wochen immer wieder Workout-Camps in der Werkstatt eingelegt und uns schonungs- und gnadenlos gegen uns selber immer wieder an die eigenen Grenzen — und darüber hinaus — getrieben. Fand Else zwar nicht so prall, aber ich habe ihr immer wieder gesagt, dass ich das ja nur für sie täte, damit sie einen besonders schönen Muttertag am Vatertag hätte. Zwischendurch hatte ich immer wieder das Gefühl, dass sie mich dafür hassen würde. Undank ist der Welten Lohn.

Phase IV: Auspegeln

Wir haben unseren Rhythmus gefunden. Zwei Halbe pro Stunde, alle drei Zyklen von einer Wurst und reichlich Underberg unterstützt, schaffen ein sauberes Level zwischen angeschiggert sein und langfristigem Durchhaltevermögen. Diese Balance unterscheidet den gemeinen Amateur-Herrentagler vom professionellen Brauchtumspfleger. Es trennt die Jungs von den Männern, Virtuosen von Dilettanten.

Phase V: Beschleunigung

Ernst hat es in seiner streng analytischen und wissenschaftlichen Herangehensweise mal so ausgedrückt: "Masse mal Erdbeschleunigung" und meint damit den Zusammenhang zwischen aufgenommenem Volumen, Auswirkungsgrad auf den Körper und der Vernachlässigbarkeit von hochpreisigen Erzeugnissen. Ein gottverdammter Einstein, der Kerl. So langsam wird der Bollerwagen vom Anhängsel zur Aufstützmöglichkeit und sorgt, wie das Ruder an einem Boot dafür, dass wir die Spur halbwegs halten können. Die Schlagzahl nimmt zu, ist ja auch schon Mittag durch.

Phase VI: Linguistik

Durch unseren Marsch werden langsam zwei Körperteile schwerer und schwerer: Beine und Zunge. Seltsamerweise ist beides nur außerhalb betroffener Gruppen wahrnehmbar. Wir selber bemerken die Reduzierung der Marschgeschwindigkeit nicht und auch der langsam einsetzende Verlust der Muttersprache bleibt uns verborgen. Ist halt so. Betrunkene können sich gegenseitig perfekt verstehen und artikulieren, nüchterne Außenstehende dagegen sehen nur lallende Gestalten, die unverständliches Kauderwelsch absondern. Bier scheint offensichtlich für Risse im Raum- Zeitkontinuum zu sorgen und eine Art parallelen Subraum zu schaffen. Faszinierend.

Phase VII: Kopfarbeit

Deutlich heftiger und unerfreulicher sind die sich in der nächsten Phase anschließenden Defizite, die im direkten Zusammenhang mit den in den letzten Stunden so mühsam konsumierten Fest- und Flüssigstoffen stehen. Statt jenen, von der Natur extra eingerichteten Einbahnstraßenkanal zu nutzen, streben die anverdauten Massen der eigentlich nur als Eingang gedachten Körperöffnung entgegen. Günni ist der erste, der sich den Tag noch mal durch den Kopf gehen lässt und sein Frühstück rückwärts isst. Kurz danach erleidet auch Ernst einen eklatanten Anfall von Auswurf von Lebensmitteln. Die Düngerwirkung der oralen Ausscheidungen darf mit Fug und Recht angezweifelt werden, auch wenn die zwei offenbar anderer Meinung sind und in ihrer Not einem Blumenbeet etwas Gutes tun wollen. Ich lasse diese Phase gerne aus. Was allerdings nicht heißt, dass ich nicht angeschossen wäre.

Phase II: Präventiv-Maßnahmen

Es ist inzwischen unsausweichlich: das Ende unseres Exkurses. 16.00h, kilometerweit von zu Hause entfernt, mit leerem Bollerwagen und voller Leber an einer x-beliebigen Landstraße. Die anderen liegen bereits am Grund und auch mich holt die sich in den letzten Minuten um ein Vielfaches angewachsene Erdgravitation ein, zwingt mich zu Boden und in den Schlafmodus. Unausweichliches Ende einer harten Etappe. Mir klappen die Augen zu und ich ratze ein. Als ich wieder aufwache bin ich zu Hause auf dem Sofa. Else hockt Chips-knabbernd neben mir und schaut entspannt irgendeinen Film mit Brad Pitt.

Home, sweet Home

Sie ist nicht sauer, denn sie musste mich nicht abholen, wie es vielen anderen Damen aufgebürdet wird, die ihre strunzebreiten Männer aus der Pampa abholen müssen. Denn ich habe vorgesorgt: Phase II der Aktion bestand nämlich in der Anbringung eines kleinen Klarsichtbeutels am Absatz meines Stiefels. In diesem habe ich neben Dreißig Euronen einen kleinen LED-Flasher und einen Zettel mit meiner Adresse und dem Vermerk "Hier abliefern" deponiert. Nach meinem Abgang in die Horizontale hat ein Taxifahrer gehalten, den blinkenden Beutel geöffnet, die Kohle an sich genommen, mich nach Hause zu angegebener Adresse gebracht und sogar noch aufs Sofa verfrachtet. Funktioniert jedes Jahr, schont Else und sichert mir weiterhin 100% fortpflanzungsneutrale Paarungsrituale. So bleibt auch zukünftig der Herrentag gleichzeitig ein vorzüglicher Muttertag.


Dose zur Faust,

Euer R. Leuchtung



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