Alive!

Der zombifizierte halbtote Zeitgenosse von heute bettet seine Plauze nach Feierabend auf dem vollgefurzten Sofa von Möbel-Willi, schiebt sich eine Tiefkühlpizza in den Kauschacht, zappt durch das televisionäre Banalitätenkabinett, streichelt sein Smartphone und tauscht im Hackfressenbuch sterbenslangweilige Details seiner existenziellen Ödnis mit anderen, noch langweiligeren Couch-Mumien aus. Das ganze nennt er dann "Leben".

Und auch wenn der Anteil der lebenden Untoten exponential ansteigt, gibt es zum Glück immer noch notorische Querulanten, die in einer fernen Zukunft, auf ihrem Sterbebett liegend, auf mehr als Twitter-Follower oder erklickte Facebook-Freunde zurückblicken können. Einer von der ganz schlimmen Sorte ist Carlos, dem geneigten Leser als "Mortagua-Fighter" bekannt. Der konspirative Triebtäter hat nicht nur auf sehr sympathische Art und Weise richtig heftig einen an der Waffel, sondern versteht es auch noch, seine ausgewachsene Normalitäts-Psychose zu kanalisieren und in extreme Motorrad-Unikate umzusetzen.

Master of Desaster

Dabei bleibt er seiner grundlegenden Stilistik durch die Bank treu, ohne sich jedoch in einer endlosen Widerholungsschleife zu verfangen oder gar auf der Stelle zu treten – sonst könnte er auch gleich beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen anfangen. Und so ist auch seine siebte Kreation sofort dem Meister zuzuordnen, markiert aber dennoch einen neuen Meilenstein in seiner kreativen Evolutionsreihe. Zwei Jahre lang hat der im Zivilleben als Glaser arbeitende Handwerker täglich zwischen zwei und vier Stunden nach Feierabend in seiner Werkstatt verbracht, um das zu bauen, was ihm im Kopf herumspukte. Wobei "Werkstatt" eigentlich der falsche Begriff ist. Wer schon einmal Bilder von dem spartanischen und erz-chaotischen Verließ gesehen hat, das dem ludolphschen Haufenprinzip folgend organisiert ist, fragt sich unweigerlich, wie in so einem Trümmerfeld solche Früchte reifen können. Sollte in der Bude einmal ein Regal umkippen, kann man Carlos nur mit einer Lawinenhundestaffel wiederfinden. Aber der Bengel kommt klar.

Brot und Stiere

Wie gewohnt basiert auch die neueste Kreation wieder auf einem eher unspektakulären Luft/Öler der Butter-und-Brot Liga. Ein alter 750er Triebling bildet die fast schon biedere Basis für das Projekt. Mehr als eine Grundüberholung und frische Gasfabriken mit K&N Vergasern bekam der Vierer nicht an Zuwendung spendiert, so dass er wie zu Zeiten seines Stapellaufes etwas über 100 Pferde auf die Koppel schickt, die munter am Rad, bzw. der Getriebeausgangswelle zerren. Hier findet sich dann auch schon das erste mortaguaeske Gimmick: Die Bremsscheibe rotiert einträchtig und kraftschlüssig neben dem Ritzel und überträgt ihre von einer Zweikolbenzange initiierten Kräfte nicht direkt, sondern per Kette auf das Hinterrad.

Sinnflut

Technisch gesehen ist das durchaus sinnvoll, werden so die ungefederten Massen reduziert – aus Mortaguas Perpektive aber nicht der Hauptgrund für die Konstruktion. Viel wichtiger war es, auf diese Art und Weise die Baugruppen an der Narbe zu reduzieren um die Umsetzung der einseitigen Radaufhängung umzusetzen. Dabei handelt es sich nicht um eine Schwinge im klassischen Sinne. Hier dreht sich kein Hebelarm um eine nahe der Getriebeausgangswelle gelegenen Lagerstelle, vielmehr bewegt sich die Radachse, einem Fahrstuhl nicht unähnlich, an Gleistangen die zwischen zwei mächtigen Profilen aufrecht stehend montiert sind auf und ab. Zwei ebenfalls parallel verbaute Federbeine sowie ein Teleskopdämpfer gleichen Farbahnunebenheiten aus und versteifen die Geschichte zusätzlich. Konstruktiv so etwas wie eine einseitige Interpretation der nachkrieglichen Geradwegfederung.

Krad mit Rad

Auf der maßgeschneiderten Felge rotiert ein 160er Pneu mit 17 Zoll Durchmesser. Narbe und Speichen sind Frästeile, die mit einem Felgenring verschweißt wurden. Vorne geht es nicht weniger aufwendig zur Sache. Auch hier wurde auf eine Radführung nach alter Väter Sitte zurück gegriffen: Eine geschobene Schwinge, wie sie auf Grund ihres langen Nachlaufes und der Trennung von Lenk- und Federkräften gerne bei Gespannen zum Einsatz kommt, hält das Rad auf Kurs. Ein Stumpf mit ordentlichem Durchmesser sorgt trotz Einseitigkeit für kippelfreien Lauf. Zwei gegenüberliegende Schwimmsättel verbeißen sich, an mächtigen Trägern montiert in die einzelne Bremsscheibe und lassen den auf dem Eigenbaurad residierenden Sechzehnzöller wimmern. Von dessen Geschrei bekommt man allerdings nicht allzu viel mit - zumindest solange der Motor läuft. Denn viel mehr als eine Umleitung der infernalischen Arbeits-Äußerungen leisten die vier Slash-Cut Rohre nicht. Das Leben ist kein Kindergeburtstag und Carlos mag es gerne zünftig.

Kein Herz für Dealer

Natürlich sind nicht nur die Radhalter selbst geschnitzt, sondern auch der sie verbindende Stahlrohrrahmen, der für die Umsetzung des Gesamtkonzepts unabdingbar ist. Und auch das vornehmlich aus Blechplatten gedengelte Bodywork ist Eigenbau. Das bezieht sowohl Fender, als auch Tank, Höcker und die Sitzplatte mit ein und zieht sich über Lenker, Armaturen, Fußrasten und Träger weiter. Würde mich nicht wundern, wenn an der nächsten Kiste auch Reifen und Treibstoff Eigenbau sein werden, denn viel mehr an nicht selber hergestellten Teilen findet sich kaum mehr am Moped.

Es tut einfach gut zu sehen, dass es noch Menschen gibt, die noch mehr zu Stande bringen als Faulgase in die Atmosphäre zu entlassen und spastisch mit dem Daumen über kleine Bildschirme zu wischen. Leben ist, was du draus machst.

Bilder: Custom Forever



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