9/11  oder auch: Grill Zero

Ich bin jedes Jahr aufs Neue erstaunt, wie schnell der menschliche Brägen vergessen und verdrängen kann. Nach einem halben Jahr übelsten Winters jagt ein Ach ja, das gibt´s ja auch-Erlebnis das nächste. Frische, sauerstoffhaltige Luft, Vogelgezwitscher, Frühlingsgerüche, Tageslicht nach 17.00h und natürlich die ersten Verlautbarungen des reanimierten Zweiradreaktors. Geile Scheiße! Vor allem nach so einem endlosen Winter (wo bleibt eigentlich die versprochene Erderwärmung, verdammt?!) ist die Freude groß und die Nummer schreit nach standesgemäßer Zelebrierung und Einweihung.

Und das vollziehen wir traditionsgemäß am besten durch eine ordentliche Grillparty. Die ersten vorsichtigen Runden sind gedreht, die Karren haben alle TÜV  mehr als genug Anlässe zum Feiern also. Dieses Jahr bin ich mit der Ausrichtung dran. Wird nix dolles. Nur der zarte Kern, ein paar Bier, viereinhalb Meter Wurst, bisschen Schnacken, bisschen Mucke, fertig. Also den Blechsarg von der Auffahrt gefahren, Bierzeltgarnitur aufgebaut und die Boxen aus der Würgstatt nach draußen gestellt. Vom Bierdealer hab ich eine kleine Zapfanlage mit Kühlung besorgt, dazu eine 50-Liter Dose Punkerpisse  der Rest läuft auf Bring-your-own-shit-Basis ab. Else hat den Salatfredo überfallen, Chips ausm Aldi entführt und Salzstangen in kleine Gläser gefüllt, die auf Papierservietten auf den Tischen geparkt werden. Die Sonne lacht, wir haben fast 20 Grad (plus und am Stück!) und es ist Samstag. Ich reiß mir schon mal ein Stützbier auf, bevor es offiziell losgeht.

Gentlemen, start your Engines

19.00h. Die Bagage rückt an. Da das Ergebnis des Abends auf jeden Fall in kollektiver Fahruntauglich münden wird, lassen sich die meisten von ihren Holden ankarren, und diejenigen, die selber am Volant sitzen, wollen den Untersatz zu fortgeschrittener Stunde zum Nächtigen nutzen. Vorbereitung ist das halbe Leben. Die Kohle knarrt auf dem Grill, aus den Würsten tritt sporadisch Fett aus und landet zischend und wohlriechend auf den durchgeglühten Briketts. Mukke rieselt aus den Membranen der Lautsprecher und es werden Gespräche über Zylinderkopfbearbeitung, Lachgas und Heckumbauten geführt. Alles schön geschmeidig.

Rumpelpilzchen

Zwei Stunden und gute 30 Liter Schädel-Pilz später (flankiert von Schorschis illegal Selbstgebranntem, der sich laut seiner Aussage auch astrein als Bremsenreiniger und zum Entfernen von ausgehärtetem Kettenfett verwenden lässt) wird die Stimmung, sagen wir mal: ausgelassen. Der wissenschaftliche Gehalt der Gespräche verhält sich antiproportional zur inzwischen vertilgten Spritmenge, dafür keimt bereits der erste Unfug in den Hirnwindungen der Anwesenden auf. Günni stellt mit messerscharfer Präzision fest, dass der Gummianteil in der Luft deutlich zu niedrig sei und schickt sich an, diesem Umstand (in Ermangelung eines griffbereiten Zweirads) mit dem unterm Carport abgestellten Rasenmähertrecker abzuhelfen. Das Ding gehört meinem Alten und war zur Reparatur und Frühjahrsinspektion bei mir. Die Pneus haben mehr als ausreichend Gummi auf dem Gewebe  also lasse ich Günni mal machen. Leicht irritiert bin ich jedoch, als Horst mit einem Kanister unbekanntem, aber wahrscheinlich hochoktanigem Inhalt der Szenerie entgegen schreitet. Das kann ja Eiter werden.

Wetten, dass?

Der Rest der Versammelten hat sich kreisförmig zusammengerottet, und ich sehe Geldscheine die Runde machen, die allesamt bei Kalle in der Tasche verschwinden. Wie sich herausstellt, werden Wetten angenommen, wann die Rennleitung das erste Mal auftauchen wird. Wer am dichtesten dran ist, gewinnt den Pott. Jeder setzt ´nen Zehner. Ich selber enthalte mich des Spiels  man wettet ja schließlich auch nicht auf seine eigene Hinrichtung. Und mit etwas Glück bleibt die Nummer ja auch im Rahmen, die Nachbarn geschmeidig und der blau-silberne Passat in der Garage. Ich merke, wie ich leise ein erstes Stoßgebet formuliere. Die Hoffnung auf Erfolg selbigem gebe ich jedoch schon recht zügig wieder auf, als ich sehe, dass Holle und Martin sich zwischenzeitlich aus ´nem Stück 40er VA-Rohr eine Art Bratwurst-Bazooka nach Kartoffelkanonen-Prinzip gebastelt haben und mittels Acetylen und Sauerstoff nun unaufgefordert die umliegenden Häuser mit Blitzlieferungen von überschüssigem Grillgut eindecken. Shit!

Treckracing

Günni und Horst haben es inzwischen geschafft eine Technik zu entwickeln, die es ihnen erlaubt, mit dem Rasenmäher Feuerburnouts zu machen  und die Begeisterung daran scheint einfach nicht abzuebben. Außer für das Nachfassen von auf Gerste basierenden Getränken unterbrechen sie ihr Treiben über Stunden nicht. Inzwischen sind die Kotflügel des Gartenhelfers fast restlos weggeschmolzen und auch die Reifen nur noch ansatzweise als solche zu erkennen. Das dem Alten zu erklären, wird auf jeden Fall eine rhetorische Herausforderung.

Samson und Kiffi

Krüger (nicht ganz grundlos von manchen Kiffi gerufen), ist erregt mit seinem Handy am Telefonieren. Mein offensichtlich fragendes Gesicht wird von umstehenden Mitmenschen durch die Schilderung des Sachverhaltes aufgeklärt. Krüger hat offensichtlich in seinem Brausebrand die Hotline der Drogenberatung angerufen mit dem Anliegen, man möge ihm doch mitteilen, wo er jetzt noch in der Nähe etwas zu rauchen bekommen könne. Der verstörte Mitarbeiter am anderen Ende der Leitung versucht seinerseits dem eklatant Beschwipsten Sinn und Zweck der Beratungseinrichtung zu vermitteln, stößt damit aber offensichtlich auf äußerst überschaubares Verständnis beim potentiell Konsumwütigen.

Heimatschutz

Auch Holle zückt sein Telefon. Alles klar, er will sich bestimmt abholen lassen. Weit gefehlt. Vielmehr stellt sich heraus, dass der Zeitpunkt seines Tipps für das Anrücken des Schnittlauchs immer näher rückt und er nicht gewillt zu sein scheint den Pott an sich vorüber ziehen zu lassen. Gut geflutet brüllt er der Dame, die sich auf seine Wahl der 110 hin meldet, entgegen, man möge sich gefälligst beeilen. Gefluche wie Auf die Nachbarn sei heutzutage ja auch kein Verlass mehr und den Hinweis, dass man jawohl ausreichen die Ruhe und öffentliche Ordnung störe, wechselt sich mit Forderungen nach dem unverzüglichen Erscheinen von SoKo oder GSG9 ab  auch die Bundeswehr würde er akzeptieren  Hauptsache uniformiert! Im Hintergrund detonieren weiter unverzehrte Bratwürstchen auf roten Dachschindeln. Hansi, der sich beim Pinkelausflug am Graben zu dicht an die Böschung wagte und unter einem alkoholbedingten Gleichgewichtsdefizit leidet, fällt in das halbvolle Bächlein. Voll mit Entengrütze und Schlamm robbt er zurück ans rettende Ufer. Holle fragt Katrin im Anblick der Szenerie, ob er den Pott auch einstreichen könne, wenn die DLRG anrücke.

Gegenveranstaltungen

Inzwischen ist Mitternacht längst durch. Die leichtsinnig spontan anberaumten Grillveranstaltungen auf den Nachbargrundstücken wurden schon vor Stunden abrupt eingestellt. Günni und Horst versuchen sich inzwischen auf der Straße an Rollin´ Burnouts mit dem Rasenmäher  was natürlich komplett in die Hose geht und zu Kollateralschäden am Rosenbeet im Vorgarten des Nachbarn gegenüber führt. Sichtlich frustriert sehen sie die Aussichtslosigkeit ihres Unterfangens ein und lassen ab von Treiben und Gefährt, welches hoffnungslos festgefahren zwischen umgemähten Stachelstielern vor sich hin glimmt.

Maik, Krüger

Krüger, dessen Rauchwarenakquise erwartungsgemäß erfolglos verlief, hat sich inzwischen entschieden, der Zeitpunkt sei günstig sich im Auto abzulegen. Bei eingeschalteter Zündung lullert er zu musikalischen Klängen aus seinem Autoradio auch umgehend weg, hat sich aber unglücklicherweise den Fahrersitz als Nachquartier auserkoren. Vom Alkohol übermannt kippt er regelmäßig vorne über, knallt dabei mit dem Kopf auf den Hupenknauf, was entsprechende Schallsignale zur Folge hat. Diese bilden ein hübsches Crescendo zu dem Geböller der Wurst-Flak, zart untermalt vom Knistern und Mullen des Rasenmähertreckers.

Relight my Eier

Fehlt nur noch etwas stilvolle Beleuchtung. Und die kommt auch wie bestellt prompt um die Ecke. Blaues Discolicht rundet die Atmosphäre ab und zwei Jockeys in Uniform sichten irritiert den Kriegs-Schauplatz. Nach einer nicht ganz unkomplizierten Kommunikation in deren Verlauf ich wahrheitsgetreu die Situation zu erklären versuche  was aber offensichtlich in Sachen Glaubhaftigkeit auf keinen fruchtbaren Boden seitens der Staatsmacht fällt, die mich offenkundig für komplett bescheuert hält, klärt sich die Lage dann doch noch. Nach Ablatzung eines Hunnies für Ruhestörung und groben Unfug, Bergung des Rasenstutzers und Verfrachtung von Krüger auf den Rücksitz seines Gefährts ist die Sache weitestgehend abgefrühstückt. Holle feuert zum Abrücken der Streife noch einen letzten, dreischüssigen Wurst-Salut in den Nachthimmel, Hansi, nach wie vor von Schlick und Entenkraut bedeckt, salutiert dazu und die anderen verlegen ihr Treiben mit den letzten Überlebenden in die Werkstatt. Soviel zum Thema gemütlicher Grillabend denke ich und mein Gesicht spiegelt die Freude an den Gedanken wieder, dass nächstes Jahr jemand anders mit der Ausrichtung dran ist. Ich will nicht schon wieder umziehen müssen.

Gruß zur Wurst,


Euer

  • R. Leuchtung R. Leuchtung